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Alzheimer-News 04/2021

Hier wieder Aktuelles und Neues aus der Alzheimer- und Demenz-Forschung, also: Neues für Karlsruhe! Unterschätzen wird leichte Hirnleistungsstörungen als Vorläufer von Alzheimer oder anderen Demenzen? Das aktuelle Wissen kann diese Frage klar mit einem „Ja!“ beantworten. Dazu im Folgenden neue Studien, die dies belegt.

  • Unbemerkte Hirnschrumpfung bei Zuckerstoffwechselstörung?
    Der Alterdiabetes Typ 2 schließt zahlenmäßig immer weiter in die Höhe: 1960 waren weniger als 1% der Deutschen betroffen, aktuell sind es bereits 10%, bei den über 80jährigen sogar ein Drittel, und jährlich kommen etwa 500.000 Diabetes-Kranke neu hinzu. Ebenfalls ist der enge Zusammenhang mit Alzheimer bereits gut bekannt, deswegen wird von „Diabetes Typ 3″=Alzheimer-Krankheit gesprochen. Bedauerlich, dass dies den deutschen Epidemiologen am RKI bisher entgangen ist. Kein einziges Mal taucht in ihrem letzten Diabetes-Bericht die Worte „Demenz“ oder „Alzheimer“ auf. Bevor ein Diabetes mellitus Typ 2 jedoch schulmedizinisch diagnostiziert wird (Nüchternblutzucker>125, HbA1c>6,1) besteht über viele Jahre ein bereits kranker Stoffwechsel, sogenannt „Prädiabetes„. Dies wird üblicherweise nicht beachtet, da auch nicht üblicherweise danach gesucht wird. Als wichtiger Marker des kranken Stoffwechsels bei Prädiabetes ist eine sogenannte „Insulinresistenz“ festzustellen. Wichtig: 5-10% dieser Prädiabeter entwickeln pro Jahr den Übergang zum Diabetes Typ 2. Dabei ist der Insulinspiegel nüchtern gemessen in einem Verhältnis zum Nüchternblutzuckerwert typisch krankhaft erhöht (HOMA-IR>2,5). Dies belegt, dass die Bauspeicheldrüse chronisch mehr und immer mehr Insulin produzieren muss, um den Blutzuckerwert zu normalisieren, was immer häufiger, je länger dies andauert, nicht mehr gelingt. In einer neuen Studie konnte bei diesen „Prädiabetikern“ (n=74) bereits Jahre voraus Auffälligkeiten im Gehirn festgestellt werden. Bestimmte Hirnregionen zeigten bereits nachweisbare Schrumpfungen, die bei manifestem Diabetes typischerweise erheblich ausgeprägter zu erkennen sind. Insofern belegt dies einen Zusammenhang zwischen einer beginnenden, unbemerkten Hirnschrumpfung ohne Hirneistungsstörungen bereits Jahre bevor schulmedizinisch eine Alterszucker-Krankheit diagnostiziert wird. Dieses Zeitfenster eines Prädiabetes ist als ein wichtiger prophylaktischer Therapiezeitraum von großer Bedeutung, um vielen Patienten die Entwicklung einer Alzheimer-Krankheit möglichst zu ersparen. Folglich ist das zielgenaue Suchen nach diesen Stoffwechselauffälligkeiten, die diese Insulinresistenz anzeigen, bei allen Menschen frühzeitig ratsam. Wir führen in unserer Praxis diese Blutuntersuchungen routinehaft bei allen Patienten durch.
  • Neben den bekannten Gedächtnisstörungen, oft bei Alzheimer-Kranken, unterscheidet man inzwischen fünf verschiedene neuropsychologische Bereiche (Domänen) für höhere Hirnleistungen: Lernen/Gedächtnis, Aufmerksamkeit, exekutive Funktionen, Sprache und räumliche Orientierung. In einer neuen Studie wurden 738 Personen, die keine Demenz hatten (Altersdurchschnitt 71,8 Jahre), zur (phänotypischen=) klinischen Ausprägung ihrer Hirnleistungen, von unauffällig bis zu „leichten kognitiven Störungen„, untersucht und über mehrere Jahre zu Veränderungen ihrer Hirnleistung jährlich getestet. Es konnten unterschiedliche Gruppen, je nach Ausprägung der Hirnleistungen, bei diesen Älteren festgestellt werden. So waren ergaben sich neben einer Gruppe mit „typisch-normalen“ Hirnleistungen eine zweite Gruppe, die mit ihren Hirnleistungen über dem Durchschnitt („optimal“) lagen (-> hierzu wünscht man sich zu gehören!) zu unterscheiden. Des Weiteren fanden sich drei Gruppen mit „leichten kognitiven Sörungen“. Diese unterschieden sich in: „amnestische“ leichte kognitive Störung mit Beeinträchtigung von Sprache, Lernen und Gedächtnis, in: „nicht-amnestische“ mit Beeinträchtigungen der räumlichen Orientierung und der exekutiven Funktionen, und in: „gemischte“ leichte kognitive Störung mit Beeinträchtigungen aller fünf Hirnleistungsdomänen. Im Verlauf der Nachuntersuchungen entwickelten im Durchschnitt nach 6,3 Jahren 23,3% eine Demenz. Diese Verschlechterung unterschied sich aber erheblich in den Gruppen. Der Übergang in eine Demenz war am schnellsten bei den „gemischten“ mit 42,9% bereits nach 3,88 Jahren, für die „amnestische“ Gruppe waren nach 5,22 Jahren 36,1% dement, von den „nicht amnestischen“ hatten 80,3% nach 5,29 Jahren eine Demenz entwickelt. In der Gruppe mit „typischer“ Hirnleistung waren es nur 13,2% nach 6,7 Jahren und von der Gruppe mit „optimalen“ Leistungen waren es nur 9,2% nach durchschnittlich 7,41 Jahren, die eine Demenz aufwiesen. Bemerkenswert war zudem, dass es keine Unterschiedlichkeit bezüglich APOE-Genotypus gab, was vermuten lässt, dass diese folglich kein Muster einer kognitiven Störung entwickeln. Zudem: von den „optimalen“ lebten nach 10 Jahren über 90%, während bei den „gemischten“ kognitiven Störungen zu diesem Zeitpunkt bereits 70% verstorben waren. Die daraus abgeleiteten Empfehlungen sind, dass auch Menschen, die keine Hirnleistungsstörungen haben, regelmäßig untersucht werden sollten, um eine Verschlechterung von Hirnleistungsminderungen frühzeitig zu erkennen. Des Weiteren betonen die Autoren, dass Menschen mit leichten kognitiven Störung mehrere Jahre eines therapeutischen Fensters hätten, in dem Lebensstilveränderungen das Fortschreiten des Hirnleistungsabbaus aufhalten könnten (s. meinen Blog-Beitrag).
  • Was machen Gedächtnisambulanzen?
    Die Deutschen Gedächtnisambulanzen haben sich in einem Netzwerk zusammenorganisiert und dieses Jahr bereits mehrere Online-Konferenzen durchgeführt. Der letzten Konferenz waren meiner Ansicht nach einige sehr wichtige Botschaften zu entnehmen. In einer bemerkenswerten Beobachtungsstudie (DELCODE) werden Menschen mit subjektiven Hirnleistungsstörungen (SCD=subjective cognitive disorder), also nicht objektivierbare Beschwerden der höheren HIrnfunktionen, über Jahre beobachtet und regelmäßig untersucht. Von allen verschlechterten sich 25% mit Übergang dann zu objektivierbaren Beschwerden, sogenannter „Leichter kognitiver Störung“ (MCD=mild cognitive disorder), diese zeigten typisch eine zugrunde liegende Alzheimer-Pathologie. Menschen mit leichten kognitiven Störungen, die sich verschlechterten, hatten sogar zu 50% eine Alzheimer-Pathologie. Wenn Menschen gemäß Bildgebungen nachweislich eine verschmälerte Hirnrinde zeigten, mit oder ohne Hirnleistungsstörungen, enwickelten sie rascher und deutlicher nachlassende Hirnleistungen. Diese Langzeitbeobachtungen machen deutlich, dass Menschen mit subjektiv bemerkbaren Hirnleistungsstörungen ernst zu nehmen sind, da oft eine Alzheimer-Pathologie vorhanden ist; hoffentlich bald im Blut einfach und sicher nachweisbar. Dies sollte frühzeitig erkannt werden, um den Verlauf zu bremsen und aufzuhalten. Des Weiteren war ein sehr interessanter, neuer Aspekt, dass Gedächtnisambulanzen moderne Methoden (Handy-Apps) entwickeln, mit denen Patienten, die Hirnleistungen quasi täglich zuhause testen können, sodass man einen Verlauf der Hirnleistungen einfach und problemlos ohne eine umfassende Untersuchung und Testung durch einen Neuropsychologen beurteilen kann. Hintergrund ist, dass die Amulanzen bereits jetzt überlastet sind und Möglichkeiten der Entlastung suchen bzw. eine Vorauswahl für „richtige“ Patienten anstreben. Dies wird erhebliche Veränderungen in zukünftiger Versorgung, Vorbeugung, frühzeitiger Diagnostik und Behandlung bewirken.
  • Was sagt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu Alzheimer?
    Das Expertengremium der WHO überarbeitete kürzlich umfassend ihre Empfehlungen von 2019 „Guidelines on risk reduction of cognitive decline and dementia“. In dem damaligen Report wurden alle therapeutischen Maßnahmen, die eine wissenschaftliche Wirksamkeit bewiesen, in der Vorbeugung der Alzheimer-Krankheit zusammengefasst. Bereits zum damaligen Zeitpunkt war klar, dass mit konsequenter Anwendung dieser Methoden eine erhebliche Reduktion (ca. 40%) der an Alzheimer Erkrankten mittel- bis langfristig durch Minderung der Risikofaktoren (z.B. Ernährung, körperliche Aktivität, Alkoholkonsum, Bluthochdruck, Zuckerkrankheit, Übergewicht oder Fettstoffwechelstörung) erreicht werden könnte. In der neuen Überprüfung der aktuellsten Datenlage „for the best strategies for dementia risk reduction“ – eine sehr bemerkenswerte Übersichtsarbeit, die sich zu lesen lohnt! – wurde als eine wichtige neue Feststellung hinzugefügt, dass eine multimodale Therapie („multidomain intervention„), also die Anwendung mehrerer, verschiedener Therapiemodule gleichzeitig und ein patientenzentriertes Vorgehen, also auf jeden Patienten spezifisch angepasst zielgenaue therapeutische Anwendungen, am erfolgreichsten sind. Zudem: Lifestyle-Interventionen sind genauso wirksam, wenn nicht sogar wirksamer, wie medikamentöse Therapien, zumal von den Patienten mehr akzeptiert und wenn motiviert einfacher umsetzbar („low hanging fruits„). Wichtig sind jedoch zeitlich andauerende Verhaltensänderungen („time is everything!„), auch deswegen, weil die verschiedenen Risikofaktoren in unterschiedlichen Altersgruppen unterschiedlich wirken, und dies vor allem für die genetische Risikogruppe mit APOE4. Z.B. ist körperlich Inaktivität im höheren Alter wahrscheinlich von größerer Bedeutung als im mittleren Lebensalter. Wir dürfen anfügen, genau dieses ganzheitliche Therapievorgehen, eine seit über 100 Jahren bekannte, etablierte Vorgehensweise der Neurorehabilitation (s. z.B. meinen Blog), zeigt in unserer, bisher über 3-jährigen ambulanten Anwendung, gute Erfolge. Gleichwohl ältere Menschen gerade betreff körperlicher Aktivität zu verbessern ist eines unserer größten Probleme. Hierfür fehlt es leider oft an Motivation, wobei gerade diese Antriebsminderung bereits Folge einer fortgeschrittenen Hirnkrankheit sein kann. Für diesen Fall kämen Medikamente in Betracht.