Rufen Sie uns an 0721 83078-771 oder schicken Sie uns eine E-Mail info@praxis-drstienen.de

Tel: 0721 83078-771

Alzheimer-News 02/2021

Hier wieder das Neueste aus der Welt rund um die Alzheimer-Forschung. Wir wissen zwar immer mehr, aber bis zur Heilung von Alzheimer bleibt noch ein längerer Weg. Neues aus der Neurologie – Neues für Karlsruhe!

  • Sind Gefäßprozesse bei der Alzheimer-Krankheit wichtig?
    Wir wissen bereits, dass im Spätverlauf der Alzheimer-Krankheit nicht mehr die genetische Risikoausstattung, sondern Gefäßkrankheitsprozesse, die entscheidenden Faktoren einer weiteren Verschlechterung bis zum Versterben sind. Eine neue Studie belegt nun, warum dies so ist und gibt Anlass zur Annahme, dass dies bisher betreff seiner Bedeutung ein unterschätzter Krankheitsprozess sein kann. Forscherinnen konnten entlang der arterio-venösen Gefäßachse verschiedene Zelltypen indentifizieren, die ihre genetische Proteineigenschaften im Verlauf von Arterien, über Arteriolen (kleinste Arterien) zu den Venen abändern. Dieses Kontinuum ist selbstverständlich auch in Mäusen bekannt. Neu ist aber, dass spezifische Marker sich im Vergleich Maus-Mensch deutlich unterscheiden, z.B. ist das Thrombose fördernde Von-Willebrand-Gen bei Mäusen nur in Venen, bei uns Menschen aber im gesamten Gefäßsystem präsent. Bestimmte Zellen (Perizyten) waren überraschenderweise bei Menschen ebenso in den Venen, nicht nur in Arteriolen, aufzufinden, und zudem dort mit erheblichen Unterschieden im genetischen Expressionsmuster,. Dies deutet darauf hin, dass der Stoffwechselaustausch im gesamten Gefässverlauf – wir besitzen ca. 60.000 km Gefäße im Gehirn – von hoher Bedeutung ist. Dies bedeutet jedoch auch, dass bisherige Mäuse kein passendes Modell in der Untersuchung des Gefäßprozesse bei AD waren, ja bisherige Erkenntnisse deswegen mit Fragenzeichen zu versehen sind. Ein weiteres Ergebnis war, dass es in AD-Gehirnen bei Verstorbenen zu einem drastischen Verlust (ca. 50%) dieser spezifischen Gefäßzelltypen kommt und in diesen Zellen eine besondere Ausprägung vieler Risikogenen für AD (30 von 45 untersuchten) auffällig und bisher nicht bekannt war. Hieraus kann gefolgert werden, dass gefäßbedingte Störungen betreff Nahrungsversorgung und Abtransport verbrauchter Stoffwechselprodukte einen wichtigeren Stellenwert im Verlauf der Alzheimer-Krankheit darstellen als bisher vermutet. Zum Guten leitet sich hieraus gleichwohl plausibel ab, für eine gute Durchblutung im Gehirn lebenslang zu sorgen, z.B. durch Sport (s. meinen Blog), hält gesund!
  • Ein neuer Hoffnungsschimmer?
    Als erstes Alzheimer-Medikament gegen das bei Alzheimer sich im Übermaß im Hirn ablagernde Protein Beta-Amyolid konnte Donanemab in einer Phase-2-Studie erfolgreich das angestrebte klinische Primärziel erreichen: eine Minderung von 32% der Abnahme (von 6,86 statt 10,06 Punkten) gemäß der Integrated Alzheimer’s Disease Rating Scale nach 76 Behandlungswochen. Wohl bemerkt: auch bei diesem Medikament wird die Erkrankung nicht geheilt, sondern „nur“ der fortschreitende Abbau der Hirnleistungen gebremst. Dennoch, es ist ein Erfolg und belegt die Bedeutung der zuletzt umstrittenen Beta-Amyloid-Hypothese nach vielen fehlgeschlagenen Studien. Bemerkenswert zudem ist, dass bei 2/3 der Studienteilnehmer die Amyloid-Plaques im Gehirn weitgehend verschwanden und außerdem die neurofibrillären Tau-Bündel vermindert werden konnten. Letztere sind es, die aktuell besser als die Amyloidablagerungen mit dem Verlust der Hirnleistungen korrelieren, bedeutet: die Zunahme der Tau-Ablagerungen im Gehirn folgt gut dem Verlust der Hirnleistungen und dem Fortschreiten der Krankheit. Es bleibt jedoch die Frage, bemerken denn die Patienten und ihre Angehörigen eine Minderung der Verschlechterung als Folge des neuen Medikamentes? Das Ergebnis bedeutet nämlich, dass über den Verlauf von 18 Monate ein Bremsen von 6 Monate im Krankheitsverlauf erreicht werden konnte. Wichtiges Merkmal der Behandelten war, dass alle Behandelten in einer frühen symptomatischen Phase nur leichte Hirnleistungsstörungen (Mini Mental State Examination=MMSE war im Durchschnitt 23,6 Pkt.) und nur mäßige Tau-Ablagerungen aufwiesen. Dies ist ein Symptomniveau, die Viele fälschlicherweise als „normales altern“ bezeichnen und deswegen keinen Arzt aufsuchen. Eine klare Unterscheidung im Therapiedesign betreff APOE-Typus erfolgte leider nicht. Auffällig war jedoch, dass 1/3 der APOE4-Patienten (keine Unterscheidung momo- oder heterozygot) Nebenwirkungen in der Therapie berichteten und deswegen viermal häufiger (40 vs. 9%!) die Behandlung abbrachen, was folglich betreff besonders risikobelastenen APOE4-Trägern keine gute Ergebnisaussage erlaubt. Dennoch, bei gezielter Patientenauswahl, insbesondere bei Beachtung vom APOE-Typ, verspricht dies Medikament mittelfristig eine positive Behandlungsoption im frühen symptomatischen Stadium mit leichten Hirnleistungsstörungen werden zu können.
  • Eine weitere gute Nachricht?
    Bisher waren keine Daten vorhanden, die die Wirksamkeit von Acetyl-Cholinesterase-Hemmern (AChEH) im Langzeitgebrauch belegten. Genau dieses Manko war Anlass der Studie, in der Patienten des Schwedischen Demenz-Registers, die innerhalb der ersten 3 Monate nach Diagnosestellung AChEH erhielten und mit denen, die keine bekamen, betreff Hirnleistungsabbau (MMSE bei Beginn 21,2 Pkt.) und Sterberate über 5 Jahre untersucht wurden. Insgesamt waren es 11.652 Patienten, davon 58% mit Alzheimer, der Rest andere Demenz-Typen, im Durchschnitt 81 Jahre alt. Im Verlauf der 5 Jahre entwickelten 255 eine schwere Demenz und 6,055 starben. Die Testergebnisse bei den Behandeltenen waren durchschnittlich signifikant besser (0.13 Pkt. im MMSE) bei einem durchschnittlichen Fortschreiten des Abbaus (-1,62 Pkt. pro Jahr) zwischen den beiden Gruppen. Dies bedeutete, dass 4.0 vs. 10.2% pro 1.000 Personenjahre eine schwere Demenz entwickeln. Dies ist zwar „statistisch signifikant“ enttäuscht aber etwas betreff der Symptomatik, wobei eine mäßige Wirkung durchaus vorbekannt war. Zudem, und das war das Überraschende an der Studie, aber reduziertes sich bei den Behandelten das Sterberisiko um bemerkenswerte 27%. Von den benutzten Medikamenten Donepezil, Rivastigmin und Galantamin zeigte letzteres die höchste Wirksamkeit und den stärksten Effekt auf den Hirnleistungsabbau. Unterschiede zwischen den Demenz-Typen wurden nicht gefunden. AChEH sind folglich betreff Hirnleistungen zwar vorteilhaft, aber leider nur gering und im Alltag nicht entscheidend erkennbar wirksam, bewirken aber eine deutliche Reduzierung des Sterblichkeitsrisko, die sich nicht auf Wirkungen im Gehirn limitieren lässt.
  • Anreize für Forscherinnen?
    AlzGerm ist eine Stiftungsinitiative, die Forscherinnen für eine bahnbrechende Entdeckung 1 Millionen Dollar Erfolgsgratifikation bietet. Ergebnisse der Forschung, die den Zusammenhang zwischen Keimen und der Entwicklung von Alzheimer untersuchten, ergaben, dass wir inzwischen mehrere Keime (z.B. Herpes-Viren) kennen, die einen Zusammenhang mit der Entwicklung von Alzheimer erkennbar nahelegen. Dies lässt sich z.B. aus Ergebnissen ableiten, dass bei medikamentöser antiviraler Therapie zu 11% (HR 0.89, 95%-CI: 0.86 to 0.92) im Vergleich zu Nichtbehandlung eine Minderung des Risikos eine Demenz zu entwickeln erreicht wurde. Fraglich bleibt jedoch, ob in Beobachtungsstudien wie dieser wirklich gleiche Kohorten untersucht wurden, zumal bisher keine hochwertige Studie (RCT-Design) vorliegt, die dies belegen kann. Auch bleibt der Schluss, wie zu therapieren wäre offen: Welche Dosis, weches Medikament und welche Dauer? Deswegen kann aktuell kein generelles Befürworten einer antiviralen Therapie abgeleitet werden. Meine klinische Erfahrung ist es gleichwohl, dass sich Patienten, die bei Infektionen antibakteriell oder antiviral behandelt werden, betreff ihrer Hirnleistungen leicht bessern können.
  • Warum entwickeln so viele Patienten eine gemischte Demenz?
    Wir wissen bereits, dass bei untersuchten Gehirnen von Verstorbenen, die zu Lebzeiten die Diagnose Alzheimer-Krankheit bekamen, nur 5-8% eine reine Alzheimer-Pathologie und mehr als 10% eine mehrfache Neuropathologie mit verschiedenen toxischer Ablagerungsproteinen und/oder Gefäßpathologie aufweisen. Diese bekannten Erkenntnisse ließen vermuten, dass Überschneidungen von Alzheimer- (AD) mit Lewy-Body- (LBD) und Parkinson-Demenz (PD) sich nicht zufällig ereignen. Gemäß Ergebnissen einer Studie konnten für LBD fünf Gene – zwei davon sogar neu – entdeckt werden, wovon drei Gene (GBA, SNCA, and TMEM175) auch bei PD und zwei (APOE, BIN1) bei auch bei AD bekannt sind. Weiteres Ergebnis dieser bemerkenswerten Untersuchung war, dass Menschen mit LBD-Genen, die auch genetische AD-Varianten zeigten, früher verstarben und Menschen mit genetischen PD-Risikovarianten bereits in jüngerem Alter eine LBD entwickelten. Eine Schlussfolgerung dieser Studie ist, dass eine coexistierendene Hirnpathologie kein Zufall ist, sondern einem genetischen Risikoprofil folgt. Dies stützt eine bisherige Hypothese: Demenzen müssen als eine Kombination verschiedener paralleler Krankheitsprozesse (vaskulär, Amyloid, Tau, α-Synuclein, und weiterer Faktoren) in subtil differenter „Dosis“ betrachtet werden. Hieraus könnte sich zudem das bekannte, sehr unterschiedliche klinische Bild von AD- und LBD-Patienten ebenfalls gut erklären. Forschungsergebnisse wie diese offenbaren entscheidende Konsequenzen für die zukünftige Therapie, zumal wenn in kommenden Jahren mehrere Medikamente für unterschiedliche neurodegenerative Prozesse zugelassen werden sollten. Dies würde nämlich bedeuten, dass LBD z.B. auch mit AD-Medikamenten oder AD auch mit LBD-Medikamenten behandelt werden könnte,. Voraussetzung wäre dann aber, dass die überschneidenen Patienten herausgefiltert werden können, was Biomarkerresultate durchaus versprechen.
  • Darmflora=Mikrobiom beeinflusst unsere Lebensdauer?
    Bekannt war bereits, dass unser Übergang vom vorindustriellen Lebensstil zur Landwirtschaft vor etwa 8.000 Jahren und im Folgenden zum modernen Lebensstil mit der deutlichen Abnahme der Vielgestaltigkeit des Mikrobioms einging. Diese Resultate werden inzwischen unter den Fachleuten als (mit-)begründend für viele moderne chronische Krankheiten betrachtet. Für die Schulmedizin ist diese neue wissenschaftliche Datenlage, nämlich dass Gesundheit von unserem Mikrobiom abhängig ist, noch eine kühne These. Dennoch, die Studienlage belegt inzwischen, je vielfältiger das Mikrobiom eines Menschen, je länger das Leben (Life-Span) und je andauernd die Gesundheit (Health-Span) ist. Es wurden in der hier zitierten neuen Studie drei große Kohorten mit mehr als 9.000 Personen verglichen. Es fanden sich bei Menschen mit einer gesunden Darmflora nachweislich deutlich höhere Proteinspiegel im Blut, Proteine, die von Darmkeimen produziert wurden, als bei Nicht-Gesunden. Bemerkenswerterweise zeigte sich bei Menschen älter als 80 Jahre ein einzigartiges Mikrobiom, quasi ein individueller Mikrobiom-„Fingerabdruck“, während bei Nichtgesunden dieses Besonderheitsmuster fehlte. Gesunde Ältere zeichneten sich durch einen geringen Anteil der Bakterien-Familie Bacteroides aus und auffällig war zudem, dass Menschen, die umgekehrt eine Bacteroides-Dominanz und eine Abnahme der Familien Lachnoclostridium und Rumminokokkus bei fehlendem Einzigartigkeitsmuster kennzeichnete. Im Vergleich hatte Letztere eine deutlich verminderte 4-Jahres-Überlebensrate. Es lasst sich ableiten: im höheren Älter ist Gesundheit und langes Leben mit einem komplexen=gesunden Mikrobiom verknüpft, da diese Keime Stoffwechselprodukte herstellen, die wir benötigen und helfen, z.B. ein gesundes Blutfettprofil zu stabilisieren.
  • Eine neue globale Initiative: „Gehirnkapital aufbauen!“
    Unser Wissen darüber, dass die weltweite Zahl der Alzheimer-Patienten von aktuell ca. 50 Mill. bis 2050 auf über 150 Mill. zunehmen wird, sollte uns alle nachdenklich werden und vorausschauend handeln lassen, denn diese weltweite Herausforderung der nächsten Jahrzehnte wird Alle mehr oder weniger persönlich betreffen. Eine neue weltweite Initiative unter Federführung der OECD – Building Brain Capital wurde ins Leben gerufen. Die aktuelle Pandemie verursachte bereits jetzt bekanntermaßen erhebliche Krankheitsfolgen für Hirnleistungsstörungen, die bereits in den vorgehenden Jahrzehnten erheblich angestiegen waren. Diese neue Initiative will nun die Menschen weltweit aufrütteln sich für geistige Gesundheit und die Aneignung von Hirnleistungen als eine zwingend erforderliche Grundlage für unser modernes Leben einzusetzen. Die Notwendigkeit, sich an immer neue Technologien anzupassen, bereits sehr früh eine umfassende Bildung allen Menschen zu ermöglichen, oder Bildung und Lernen als lebenslange Aufgabe zu begreifen, sind wenige Beispiele der Aufgaben. Diese Fähigkeiten basieren auf Eigenschaften wie Motivation, Disziplin, Vorstellungsvermögen, Selbstkontrolle, emotionaler Intelligenz, Kreativität, kognitiver Flexibilität und Erinnerungsfähigkeit, um nur einige zu nennen. Diese Persönlichkeitsmerkmale werden in unserem Jahrhundert an Bedeutung weiter gewinnen. Der Appell dieser Initiative richtet sich nicht nur an jeden Einzelnen, sondern vor allem Staatenlenker in der gesamten Welt, um z.B. staatliche Projekte zu fördern, die dies umfassende Ziel, „Brain Capital“ aufzubauen, verfolgen. In Anbetracht aktueller weltpoltischer Ereignisse, die die Weltökonomie schwer belasten, ist diese Initiative bemerkenswert: Brain capital should be at the heart of a systemic recovery, enabling a long-term, global, and whole systems approach to boosting economic and societal resilience.“