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Wir leben in Symbiose – Mikrobiom und Gehirn

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Die Gesundheit unseres Gehirns und eine langes Leben bei geistiger Fitness sind ohne eine vielfältige, gesunde Darmflora nicht möglich.

Das Mikrobiom (=Darmflora) ist unabkömmlich für die Entwicklung und Gesunderhaltung unseres Hirns. Wir nennen manche Kulturen gerne herablassend „primitiv“, aber was deren Mikrobiom betrifft, sind sie uns weit voraus: deren Darmflora ist an Vielfältigkeit weit größer als bei Menschen der modernen westlichen Kulturen. Zu beobachten ist dies bei  Zivilisationen, alle weitgehend vom modernen Leben weit entfernt, z.B. im tiefen Amanzonas-Gebiet, den Steppen von Tanzania oder auf Papua Neu-Guinea; besonders spannend: diese haben seit tausenden von Jahren keinen Kontakt, dennoch gleicht sich deren Damvielfalt vortrefflich. Unsere Keimvielfalt ist demgegenüber auf etwa ein Drittel verarmt. Warum sollte auch das Tier- und Pflanzensterben nur außerhalb von uns geschehen? Dieser hochmütige Blick übersieht ein „Massensterben in uns selbst“: unsere gesundheitszuträglichen Darmbewohner. Es ist zu vergleichen mit der zerstörten Flora und Fauna des Barrier Rief an den Küsten Australiens. Die Bedeutung des Mikrobioms für unsere Gesundheit, das Gehirn und ein gesundes, langes Leben ist gar nicht zu unterschätzen; wir stehen erst am Beginn, dies zu verstehen.

Das Mikrobiom besteht aus zehnmal so vielen Zellen wie unser Körper, es

  • entnimmt der Nahrung Energie,
  • versorgt uns mit Vitaminen, z. B. Biotin, Folat, Niacin, Retinol und Riboflavin,
  • reguliert unser Immunsystem,
  • schützt vor Keimen,
  • reguliert unseren Nahrungshaushalt (z. B. Glucosemetabolismus) und
  • beeinflusst nachhaltig Gehirn und Verhalten.

Antibiotika, eine segensreiche Erfindung im letzten Jahrhundert, führen – je früher in der Kindheit eingenommen, desto mehr, zu einer Änderung des Nahrungshaushalts und zu Übergewicht durch ein kranhaft verändertes Mikrobiom. Jeder Antibiotikaeinsatz sollte ein Wideraufbau gesunder Darmflora begleiten oder folgen. In der Veterinärmedizin ist schon lange bekannt: häufige Gaben von Antibiotika lassen Tiere rascher wachsen und insgesamt größer werden.

Inzwischen wird ein weiterer Zusammenhang des Antibiotikaüberbrauchs klarer. Die erhebliche Zunahme entzündlicher Erkrankungen, wie Autoimmunerkrankheiten, z.B. Asthma oder Allergien, aber auch Krebs oder Autismus, mit einem kranken Mikrobiom.

Auf dem Weg in die Welt werden Babys mit der vaginalen Keimflora von der Mutter versetzt, ein fundamentaler Baustein eine eigene gesunde Flora zu entwickeln. Eine kranke Flora der Mutter wird eine Last, noch mehr: bei Babys mit Kaiserschnittgeburt fehlt diese ganz, der Darm wird von Keimen der Unwelt mit denen das Kind in Kontakt kommt besiedelt.

Die wichtigste Nahrung für unsere bewunderswerte Darmflora sind Ballaststoffe, also Nahrungsanteile, auf denen wir oft lange kauen und die wir ohne unsere Darmbewohner gar nicht nutzen können, auch komplexe Kohlenhydrate bezeichnet. Wenn bestimmte Keime in der Dickdarmflora jedoch ohne diese Ballaststoffe bleiben, werden sie kannibalistisch! Ja, sie können eine schützenden Schleimschicht nicht bilden und beginnen aus Hunger die Schleimhaut des Darms anzuknabbern, was zu dem Syndrom eines löchrigen Darms („leaky gut“) führt. Eigentlich harmlose Keime oder Entzündungsproteine gelangen nun völlig ungehindert und frei in die Blutbahn und bewirken eine chronische Entzündung im gesamten Körper, die subjektiv kaum wahrgenommen wird – allenfalls über Schlafstörungen, Müdigkeit, Leistungsabfall, Nahrungsunversträglichkeiten, Unkonzentriertheit oder Depression. Der Zusammenhang zu explodierenden Zahlen von Autoimmunerkrankungen, wie MS oder Hashimoto, wird in den letzten 50 Jahren immer offensichtlicher.

Und vom „löchrigen Darm“ ist es nur ein kurzer Zeitraum zum „leaky brain“ (löchriges Gehirn). Die Blut-Hirn-Schranke, das Schutzschild des Gehirns, z. B. für Keime oder Entzündungsstoffe im Blut, wird durchlässig wie ein Sieb. Dies beginnt im Bereich des Hippokampus, der wichtigsten zentralen Hirnregion für die Gedächtnisbildung. Damit jeder seine eignene Lebensgeschichte erinnerungsfähig fortschreiben kann ist dessen Funktionsfähigkeit oberste Voraussetzung. Dieser Gehirnteil schrumpft oft als ein sehr frühes Merkmal einer Demenz. Der Zusammenhang einer zunehmenden Minderung der Hirnleistungen, oft beginnend mit Gedächtnisstörung, und einer zunehmend gestörten Blut-Hirn-Schranke ist inzwischen ebenfalls bei Patienten nachweisbar.

Eine umfassende (holistische) Therapie von Erkrankungen des Gehirns beinhaltet folglich zwingend auch eine Heilung des Mikrobioms. Inzwischen wird mit dem Begriff „Darm-Hirn-Achse“ die hohe Bedeutung dieses Zusammenhangs ausgedrückt. Wichtige Botschaft ist: Dreck ist gesund!

Eine Nahrungsumstellung kann jedoch nur individualisiert – auf jeden Patienten gezielt abgestimmt – erfolgen. Es braucht je nach Dauer der Schädigung mindestens sechs Wochen, um den Darm zu heilen, aber nur zwei bis drei Tage, um das Microbiom mittels Junk-Food wieder zu zerstören. Und erst wenn der Darm geheilt ist, gelangen wichtige Nahrungsstoffe sicher zum Gehirn. Vielfach sind deswegen Nahrungsergänzungsstoffe unwirksam – und somit verschenktes Geld.

Zunehmend bieten sich Prä- und Probiotika als Therapie des kranken Mikrobioms an. Die Internetforen überschlagen sich mit Produktangeboten, jedoch sind die Produkte ohne eine genaue Analyse des Stuhls ziemlich sinnlos. Die persönliche Darmflora ist so spezifisch wie ein Fingerabdruck. Erst eine Untersuchung ermöglicht den Einsatz der passenden, individuell „richtigen“ Prä- und Probiotika Prä-  und Probiotika. Dies jedoch verlangt oft, so meine bisherigen Erfahrungen, ein Ausprobieren betreff Verträglichkeit, also ein personalisiertes Vorgehen. Ich bemühe mich,diese neue Therapieweise bei der Behandlung meiner Patienten mit einzuflechten.

Dieser Zusammenhang, langes gesundes Leben und Darm, wurde bereits vor mehr als 100 Jahren von dem Nobelpreisträger und einer der Väter der Immunologie Elias Metschnikoff erkannt. Er beschäftigte sich in den späten Jahren seines Wirkens mit dem Altern und Fragen zur Lebensverlängerung,und erkannte eine Ursache des – aus seiner Sicht: biologisch nicht notwendigen – Alterungsprozesses. Er vermutete Entzündungsvorgänge. Genau diese können bei kranker Darmflora entstehen. Seine Forschungen an Bakterien mit angereicherten Nahrungsmitteln (Probiotika) zeigten den Zusammenhang, nämlich dass milchsäureproduzierende Bakterien, wie sie in Sauermilch, Joghurt oder im Kefir vorkommen, schädliche Bakterien im Colon verdrängen, gesunde sich vermehren und zu längerem gesundem Leben dienen.

rev20190511

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