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Wir leben in Symbiose – Mikrobiom und Gehirn

Gesundheit unseres Gehirns und langes Leben bei geistiger Fitness sind ohne eine vielfältige und reiche Darmflora (=Mikrobiom) kaum möglich.

Die folgenden Tatsachen sind nicht nur für mein Fachgebiet Neurologie ziemlich neu, insofern sind diese auch neue Informationen für Karlsruhe!

Das Mikrobiom ist unabkömmlich für eine gesunde Hirnentwicklung als Kind und auch zur Gesunderhaltung unseres Gehirns beim Älterwerden.Wir haben mehr Baktieren in unserem Darm als wir Körperzellen haben. Erst kürzlich wurden wieder unbekannte Darmkeine und Botenstoffe erkannt, deren Funktion wir noch gar nicht kennen. Ein neues und großes Forschungsfeld zur Erhaltung unserer Gesundheit eröffnet sich zunehmend.

Wir nennen manche Kulturen gerne herablassend „primitiv“, aber was deren Mikrobiom betrifft, sind sie uns weit im voraus. Deren Darmflora ist an Vielfältigkeit weit größer als bei Menschen der modernen westlichen Kulturen. Zu beobachten ist dies bei mehreren Zivilisationen. Alle dies Völker leben vom modernen Leben weit entfernt und abgeschieden in der Wildniss, z.B. im tiefen Amanzonas-Gebiet, den Hochsteppen von Tanzania oder im Dschungel von Papua Neu-Guinea. Besonders spannend hierbei ist, diese haben seit tausenden von Jahren keinen Kontakt miteinander, aber dennoch gleicht sich deren Damvielfalt bemerkenswert. Dies ist, so sind sich Forscher weitgehend einig, Folge einer reichen, abwechslungsreichen natürlichen Ernährungweise. Unsere Keimvielfalt ist demgegenüber auf etwa ein Drittel verarmt, was Ursache unserer begrenzten, einseitigen und oft industriell gefertigten Kostform mit „leeren Kalorien“ ist.

Warum sollte das Tier- und Pflanzensterben nur außerhalb von uns geschehen? Dieser hochmütige Blick übersieht ein „Massensterben in uns selbst“: unsere gesundheitszuträglichen Darmbewohner mit denen wir seit tausenden von Jahren in Symbiose leben. Es ist zu vergleichen mit der zerstörten Flora und Fauna des Barrier Rief an den Küsten Australiens (s. Foto). Die Bedeutung des Mikrobioms für unsere Gesundheit, das Gehirn und ein gesundes, langes Leben ist gar nicht zu überschätzen; wir stehen jedoch erst am Beginn, dies zu verstehen.

Es gibt immer mehr Forschungsergebnisse, die eine chronisch kranke Darmflora, mit fehlenden „gesunden“ und Vermehrung von „potentiell krank-machenden“ Keimen, und der Entwicklung einer Alzheimer-Demenz in engem Zusammenhang belegen können. Die Veränderungen im Darm tragen zu vermehrter Amyloid-Ablagerung im Hirn bei, die die INformationsübertragung zwischen den Nervenzellen beeinträchtigt. Spezifisch wurde eine Verringerung von Firmicutes und Bifidos sowie eine Vermehrung der Bacterioidetes gefunden.

Das Mikrobiom besteht aus zehnmal so vielen Zellen wie unser Körper, es

  • entnimmt der Nahrung Energie,
  • versorgt uns mit Vitaminen, z. B. Biotin, Folat, Niacin, Retinol und Riboflavin,
  • reguliert unser Immunsystem,
  • schützt vor schlechten Keimen,
  • reguliert unseren Nahrungshaushalt (z. B. Zuckerstoffwechsel) und
  • beeinflusst nachhaltig Gehirn und Verhalten.

Antibiotika, eine segensreiche Erfindung im letzten Jahrhundert, führen – je früher in der Kindheit eingenommen, desto mehr, zu einer drastischen Änderung der Darmflora. Dies bewirkt einen anderen Nahrungshaushalt und führt oft zu Übergewicht, eben weil ein krankhaft verändertes Mikrobiom bestehen bleibt. Jedem Antibiotikaeinsatz sollte ein Wiederaufbau gesunder Darmflora begleiten oder folgen. In der Tiermedizin ist schon lange bekannt: häufige Gaben von Antibiotika lassen Tiere rascher wachsen und insgesamt größer werden.

Inzwischen wird ein weiterer Zusammenhang des Übergebrauchs von Antibiotika klarer. Die erhebliche Zunahme entzündlicher Erkrankungen, wie Autoimmunerkrankheiten, z.B. Multiple sklerose, Arthritis, Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn, Asthma oder Allergien, aber auch Krebs oder Autismus, gehen mit einem kranken Mikrobiom einher.

Auf dem Weg in die Welt werden Babys mit der vaginalen Keimflora von der Mutter versetzt, ein fundamentaler Baustein eine eigene gesunde Flora zu entwickeln. Eine kranke Flora der Mutter wird jedoch eine Last, noch mehr: bei Babys mit Kaiserschnittgeburt fehlt diese ganz, der Darm wird von Keimen der Umwelt mit denen das Kind in Kontakt kommt besiedelt., wichtige Keime fehlen. Diese Kinder haben ein höheres Risiko für Erkrankungen.

Die wichtigste Nahrung für unsere bewunderswerte Darmflora sind Ballaststoffe, also Nahrungsanteile, auf denen wir oft lange kauen und die wir ohne unsere Darmbewohner gar nicht nutzen können. Diese werden auch „komplexe Kohlenhydrate“ bezeichnet. In industriell hergestelltem Essen fehlen diese gänzlich. Wenn bestimmte Keime in der Dickdarmflora jedoch ohne diese Ballaststoffe bleiben, werden sie kannibalistisch. Ja, sie können eine schützenden Schleimschicht nicht mehr bilden und beginnen quasi aus Hunger die restliche Schleimhaut unseres Darms „aufzuessen“. Dies führt zu dem Syndrom eines löchrigen Darms („leaky gut“). Folge ist, dass eigentlich harmlose Keime und Entzündungsproteine, die im Darm sind, nun ungehindert und frei in die Blutbahn gelangen können und eine chronische Entzündung im gesamten Körper und auch im Gehirn bewirken. Das Übel hierbei ist zudem, dass dies subjektiv oft nicht wahrgenommen wird – allenfalls z.B. durch Schlafstörungen, Müdigkeit oder Leistungsabfall, Nahrungsunversträglichkeiten, Unkonzentriertheit oder Depression.

Der Zusammenhang zu immer rascher steigenden Erkranktenzahlen von Autoimmunkrankheiten wird in den letzten 30 Jahren immer offensichtlicher. Unsere Gene können sich so schnell nicht ändern, unsere Umwelt und unser ungesunder Lebensstil ist die Hauptursache.

Und vom „löchrigen Darm“ ist es nur eine kurzer Entwicklungsphase zum „leaky brain“=löchriges Gehirn. Die Blut-Hirn-Schranke, das Schutzschild des Gehirns z. B. für Keime oder Entzündungsstoffe im Blut, wird durchlässig wie ein Sieb. Dies beginnt im Bereich des Hippokampus, der aller wichtigsten zentralen Hirnregion für die tägliche und ständige Gedächtnis- und Eiinnerungsarbeit. Damit jeder seine eigene „innere“ Lebensgeschichte fortlaufend weiterschreiben kann, ist dessen Funktionsfähigkeit oberste Voraussetzung. Dieser Gehirnteil schrumpft oft als ein sehr frühes Merkmal von Alzheimer und vernarbt langfristig. Der Zusammenhang einer zunehmenden Minderung der Hirnleistungen, oft beginnend mit Gedächtnisstörung und einer zunehmend gestörten Blut-Hirn-Schranke bei chronisch entzündlichem Geschehen im Gehirn ist inzwischen bei Alzheimer-Patienten nachgewiesen worden..

Eine umfassende, ganzheitliche (=holistische) Therapie von Erkrankungen des Gehirns beinhaltet folglich zwingend auch eine Heilung des Darms und Wiederherstellung eines reichhaltigen Mikrobioms. In der Fachwelt wird mit dem Begriff „Darm-Hirn-Achse“ die besondere Bedeutung dieses Zusammenhangs ausgedrückt. Wichtige Botschaft insbesondere für KInder ist: Dreck ist gesund!

Eine Nahrungsumstellung kann jedoch nur individualisiert – auf jeden Patienten gezielt abgestimmt – erfolgen. Es braucht je nach Dauer der Schädigung nach meiner Erfahrung mindestens 2 Monate, um den Darm zu heilen, aber nur zwei bis drei Tage, um das Microbiom mittels Junk-Food wieder zu zerstören. Und erst wenn der Darm geheilt ist, gelangen wichtige Nahrungsstoffe sicher zum Gehirn. Vielfach sind deswegen Nahrungsergänzungsstoffe unwirksam – und somit verschenktes Geld.

Zunehmend bieten sich Prä- und Probiotika als Therapie des kranken Mikrobioms an. Dies sind entweder Balaststoffe, die unsere „guten“ Keime im Darm benötigen oder bekannte, hirnförderliche Darmkeime, z.B. Lactobacillus plantarum. Die Internetforen überschlagen sich mit Produktangeboten, jedoch sind die Produkte ohne eine genaue Analyse des Stuhls, bzw. der Darmflora, nicht ratsam, da möglicherweise nicht notwendig. Die persönliche Darmflora ist so spezifisch, so einzigartig, wie ein Fingerabdruck. Erst eine Untersuchung ermöglicht den Einsatz der passenden, individuell „richtigen“ Prä- und Probiotika Prä-  und Probiotika. Dies jedoch verlangt oft, so meine bisherigen Erfahrungen, ein Ausprobieren betreff Verträglichkeit, also ein personalisiertes Vorgehen. Ich wende diese neue Therapieweise in meiner täglichen Arbeit als Neurologe bei der Behandlung meiner Patienten inzwischen oft erfolgreich an.

Der Zusammenhang, langes gesundes Leben und gesunder Darm, wurde bereits vor mehr als 100 Jahren von dem Nobelpreisträger und einer der Väter der Immunologie Elias Metschnikoff erkannt. Er beschäftigte sich in den späten Jahren seines Wirkens in Paris mit dem Altern und Fragen zur Lebensverlängerung,und erkannte eine Ursache des – aus seiner Sicht: biologisch nicht notwendigen – Alterungsprozesses. Er vermutete unerkannte und unbeachtete chronische Entzündungsvorgänge. Genau diese können bei kranker Darmflora entstehen. ERrwar mit dieser Theorie der Zeit weit voraus, denn erst in den letzten 20 Jahren wurde dieser Hypothese umfassender nachgegangen; sie wurde bestätigt. Seine damaligen Forschungen an mit Bakterien angereicherten Nahrungsmitteln (Probiotika) zeigten den Zusammenhang, nämlich dass milchsäureproduzierende Bakterien, wie sie in Sauermilch, Joghurt oder im Kefir vorkommen, schädliche Bakterien im Dickdarm verdrängen, gesunde sich vermehren können und zu längerem gesundem Leben führen.

Inzwischen gibt es viele erfolgreiche Untersuchungen am Tiermodell, und zunehmend auch Studien bei uns Menschen, dass ein gesundes Mikrobiom die Gesundheitsspanne und unser Älterwerden positiv beeinflusst. Und noch darüber hinaus: gemäß einer qualitativ hochwertigen Studie zeigten Alzheimer-Patienten unter einer Therapie mit Probiotika nach 3 Monaten nicht nur bessere Stoffwechselwerte sondern im kognitiven Test eine Zunahme der Hirnleistungen, die Placebogruppe eine Abnahme!

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