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Die unglaubliche Plastizität des Gehirns – 2. Teil

Neuroplastizität ist lebenslange, ständige Fähigkeit des Gehirns sich struktuell – anatomisch und physiologisch – auf Anforderungen der Umwelt zu verändern – es ist „DAS“ Fundament des Gehirns für: Lernen!

Ohne einen funktionierenden Hippokampus – eine Region im Schläfenlappen des Gehirns – kann kein neues Langzeitgedächtnis gebildet und in der Alltagskommunikation nicht auf das Gedächtnis „zurückgegriffen“ werden. Dies kann z.B. nach einem Schädel-Hirn-Trauma (auch geringer Schwere) oder einem Schlaganfall fatal sein und erhebliche Verständigungsstörungen bewirken. Aber auch chronischer Stress, Schlafstörungen oder durch Essen von zuviel Zucker mit Folge einer Insulinresistenz führt zu einer Hemmung der Neuronentätigkeit und zur Verminderung der Neubildung (=adulte Neurogenese) von Zellen in dieser Hirnregion.

Normalerweise werden bis ins hohe Alter mehrere Hundert neue Zellen pro Tag gebildet. Bei gesunder Stoffwechselsituation und beim täglichen Lernen und trainieren neuer Aufgaben werden diese neuen Zellen in bestehende, ständig lernend-anpassende Netzwerke innerhalb von 6 bis 8 Wochen unterstützend eingebaut. Sie helfen nachweislich zum korrekten, besseren Erkennen und bei der Sicherung des neuen und des erneuerten alten Gedächtnisses. Ja, das Gedächtnis ist nicht fix, sondern ändert sich, je nach neuen Informationen.

Wenn man beginnt einen hedonistischen Lebensstil (betont Vergnügen, Lust, Genuss, sinnliche Begierde) zu pflegen, man sich nicht mehr geistig und körperlich anstrengt, beginnt bereis das Verlernen, fachlich gesprochen ein „negatives Lernen“, also der Prozess des „gelernten Verlernens“ und des Hirnabbaus allein durch dieses ständige Verhalten, das nicht selten zum „Couch-Potato“ führt, wobei das Frontalhirn oft bereits mit maßgeblich schrumpft. Leider, unsere Wirtschaft zielt genau auf diese „Verführbarkeit“. Dies ist eine weitgehend unterschätzte Gefahr. Das Netzwerk der Nervenverbände für gesunde, vorausschauende und vernüftige Entscheidungen wird abgebaut, Menschen sind nicht mehr fähig auf Geliebte Cola zu verzichten oder sich auch nur mehr als 30 Minuten zu bewegen.

Ein anderes Beispiel, das ich oft feststelle: infolge eines Sturzes oder Schmerzen im Rücken oder den Beinen beginnen viele Menschen weniger und langsamer zu gehen. Dies, durchaus verständlich, um Beschwerden zu vermeiden, bedeutet aber einen biologischen Abbau vormalig erforderlicher Gewebestrukturen, die für lange Gehstrecken und schnelles Gehen erforderlich waren. Diese werden – weil ungenutzt – „recycelt“. Selbst bei ansonten Gesunden, kann ein Verhalten mit dem Ziel einer Schmerzfreiheit dazu führen, das vormalige Fähigkeiten und Organstrukturen folglich wegen dieser SChonhaltung verloren gehen, Bitte beachten, da es wichtig ist: nicht das Altern an sich, sondern das „negatives Lernen“ ist eine wichtige Ursache des Leistungsabbaus mit unbemerkten Hirn- und Körperabbau.

Bei Alzheimer-Patienten weiß man inzwischen, dass die neuen Hirnzellen im Hippokampus erheblich weniger gebildet werden als bei gesunden älteren Menschen. Zudem gelingt es den verbliebenen neuen Nervenzellen nicht, in entsprechende neuronale Netzwerke eingebunden zu werden. Es fehlt an der Fähigkeit zu normalen gesunden Zellen zu reifen. Ursache und Grundlage ist eine Stoffwechselstörung (=fehlende Nahrungsstoffe) und die fehlenden nervalen Inputs=Impulse infolge fehlender geistiger Anspannung. Deswegen rate ich z.B. auch oft zum Tragen von Hörgeräten bei Hörminderung.

Ein besonders positiver Aspekt an der Neuroplastizität ist, dass als Folge einer akuten Verletzung des Gehirn, zum Beispiel infolge Schädelhirn-Trauma oder Schlaganfall, das Gehirn in dieser Situation besonders viele neue Nervenzellen und Verbindungbahnen bauen kann. Die Natur ermöglicht also gerade in dieser kritischen Phase eine besondere Unterstützung und Heilungschance. Ist das nicht fantastisch? In solch einer Periode erhöhter Neuroplastizität, die vor allem die ersten drei Monate nach dem Akutereignis betrifft, ist das Gehirn besonders emfänglich für Lernangebote sich zu heilen. Genau deswegen ist eine neurologische Rehabilitation in dieser frühen Phase von höchster und besonderer Bedeutung und zeigt hohe Wirksamkeit zum Mindern der funktionellen Beschwerden wie Lähmungen mit Gang- oder Feinmotorikstörung, Denk-, Seh-, Sprach- oder Schluckstörungen.

Unterforderung des Gehirns bedeutet jedoch umgekehrt, dass das Gehirn Nervenzellen abbaut, weil sie nicht gebraucht werden. Unterforderung kann auch eine zu geringe körperliche Aktivität sein. Denn körperliche Aktivität bewirkt, dass im Gehirn eine Art Düngemittel, ein spezielles Nervenwachstumshormon (BDNF), ausgeschüttet wird. Dieser Stoff im Gehirn verknüpft Zellen und hilft den Nervenzellen bei dem Wachsen von neuen Synapsen und neuen Verbindungen.

Wir wissen inzwischen ziemlich gut, dass aufgrund der immer geringeren körperlichen und motorischen Aufgaben in unserem normalen modernen Leben das Gehirn im Laufe der letzten 10.000 Jahren kleiner geworden ist. Wir sind dabei, unsere Gehirne durch zunehmend geringere körperliche Aktivität, immer weiter zu schrumpfen (s. z.B. Arbeiten von Daniel Wolpert. Die Biologie jedoch offenbart folglich immer auch eine negative Kehrseite.

Diese lebenslange plastische Fähigkeit des Nervensystems ist – als ein weiteres Beispiel – ursächlich bei chronischem Schmerz die entscheidende Ursache. Im Unterschied zu akutem Schmerz ist chronischer Schmerz definiert mit einer Mindestdauer von mehr als 6 Wochen. Wenn also ein akut aufgetretener Schmerz, z.B. im Rücken, Knie oder Kopf, nicht nach 6 Wochen verschwunden ist, muss man diesen anders ursächlich und therapeutisch angehen. Bei chronischen Schmerzen –  unser Empfinden „Schmerz“ ist im Nervensystem neurophysiologisch als Information zu begreifen – lernt das Gehirn dies ja manchmal 24 Stunden täglich, also rund-um-die-Uhr. Die Folge ist, dass auf allen Ebenen der Schmerzübertragung, von den Nervenendigungen ganz peripher, z.B. am Knie, über alle Regionen bis zum Gehirn sich diese neuroplastisch verändern. Es bedeutet, dass die Nervenrezeptoren, die Nervenbahnen, die Nervenzellen am Rückenmark mit deren Umschaltungen, die Schmerzbahn im Rückenmark bis über den Thalamus und in die Hirnrinde, dass sich alle diese Kontakte und Bahnen plastisch vergrößern. Dies ist bereits nach 6 Wochen nachweisbar. Und je länger Schmerzen andauern, um so größer sind diese Veränderungen. Eine Therapie, die dieses „Schmerzgedächtnis„, diese strukturellen Veränderungen der Schmerzwahrnehmung im Nervensystem, nicht beachtet, muss scheitern. Deswegen wirken auch typische Schmerzmittel oft nicht oder kaum mehr.

Diese negative Seite der Neuroplastizität begründet m.E. warum das seit Jahren von der Alzheimer-Forschung aufs immer Neue angepriesene „Säubern“ der Ablagerungsstoffe (Beta-Amyloid) im Hirn nicht funktionieren kann. Denn die im Gehirn bereits seit Jahren zerstörten, fehlenden Nervenzellen und Nervennetzwerke werden ja nicht wieder hergestellt, sie bleiben zerstört. Dies gilt es frühzeitig, je früher im Leben desto einfacher, zu verhindern.

Das Wissen wie „Lernen“ funktioniert ist für uns alle – nicht nur für Eltern und Lehrer – entscheidend: „Use it or loose it!“