Neues aus der Alzheimerforschung: Der Lithium-„Hype“
Lithium-„Hype“
Das Thema Lithium ist gerade in „aller Munde“. Deswegen hier ein Überblick der aktuellen Forschungsergebnisse über Lithium als mögliche Ursache für die Alzheimer-Krankheit.
Lithium ist ein sehr „altes“ Medikament und wird bereits seit dem 19. Jahrhundert in der Psychiatrie regelmäßig, insbesondere zur Behandlung bipolarer Störungen und zur Suizidprävention bei Depressionen, verwendet. In den letzten Jahren mehren sich Hinweise aus epidemiologischen Studien, dass Regionen mit einem höheren Lithiumgehalt im Trinkwasser geringere Raten an Suiziden und Demenzerkrankungen aufweisen.
Warum wird Lithium neu diskutiert?
Eine neue Arbeit einer Forschungsgruppe aus Boston, USA, liefert nun überraschend anhand von Untersuchungen an Alzheimer-Mäusen eine mögliche biologische Erklärung für diesen Zusammenhang und stellt die Hypothese auf, dass sich die Alzheimer-Demenz als Folge eines Lithiummangels im Gehirn entwickeln könnte.
Zudem wurden Analysen an über 100 Proben aus menschlichen Hirndatenbanken durchgeführt. Dabei zeigten sich verminderte Lithiumkonzentrationen im Gewebe in der präfrontalen Hirnrinde – einer für kognitive Funktionen entscheidenden Region: Hier war die Lithiumkonzentration bei Alzheimer-Patienten im Vergleich zu Gesunden deutlich vermindert. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass sich das vorhandene Lithium massiv in den für Alzheimer typischen Amyloid-Plaques anreichert, so als würde Lithium in Plaques „gefangen“ und stünde dem Hirn nicht mehr für seine schützenden Funktionen zur Verfügung.
Experimentelle Befunde aus dem Mausmodell
Drei Erkenntnisse lassen sich aus bisherigen Tierversuchen festhalten, die den ursächlichen Zusammenhang prüfend (nur) mit Mäusen durchführten: 1. Wildtyp-Mäuse, die eine lithiumfreie Nahrung erhielten, entwickelten alzheimertypische Veränderungen (Verlust von Synapsen, Dendriten und Myelin) sowie massive Gedächtnisstörungen. 2. Bei Mäusen mit einer genetischen Veranlagung für Alzheimer beschleunigte der Lithiummangel den Krankheitsverlauf drastisch. 3. Besonders spektakulär war, dass die Gabe von Lithiumorotat die pathologischen Veränderungen im Gehirn nicht nur stoppte, sondern bei den Mäusen sogar rückgängig machen konnte, was zu einer Normalisierung der Gedächtnisleistung führte.
Lithium ist nicht gleich Lithium
Ein zentraler Punkt der o. g. Arbeit ist die Unterscheidung zwischen verschiedenen Lithiumsalzen. In der Psychiatrie wird Lithiumcarbonat verwendet. Die Studie zeigt jedoch, dass dieses Salz aufgrund seiner chemischen Eigenschaften (hohe Ionisierungskapazität) sehr stark an die Amyloid-Plaques bindet und daher im Gehirn von Alzheimer-Patienten kaum wirksam werden kann. Im Gegensatz dazu erwies sich Lithiumorotat, ein organisches Salz, als deutlich effektiver. Es bindet weniger stark an die Plaques, verteilt sich besser im Hirngewebe und zeigt bereits in winzigen, fast natürlichen Dosierungen eine starke Schutzwirkung.
Als Wirkmechanismus für diese nervenzellschützende Wirkung scheint die Hemmung des Enzyms Glykogensynthase-Kinase 3 Beta (GSK3β) verantwortlich zu sein. Überaktivität dieses Enzyms gilt als ein möglicher Schlüsselfaktor bei der Entstehung von Alzheimer, da es unter anderem die krankhafte Veränderung des Tau-Proteins vorantreibt.
Was bedeutet das für die klinische Praxis?
Die Autoren plädieren für einen Paradigmenwechsel. Lithium sollte nicht mehr nur als hoch dosiertes Medikament für psychische Erkrankungen gesehen werden, sondern als essenzielles Spurenelement, das in geringen Mengen eine physiologische Schutzfunktion für das alternde Gehirn ausübt. Experten fordern nun dringend kontrollierte klinische Studien am Menschen, um zu prüfen, ob die Gabe von Lithiumorotat bei Patienten mit leichter kognitiver Störung oder beginnender Alzheimer-Demenz den Krankheitsverlauf ähnlich effektiv beeinflussen kann wie im Mausmodell.