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Folgend wieder das Neueste aus der Alzheimer-Forschung.

1. Demenz-Prävention
45% der Demenz-Erkrankten, so etablierte Erkenntnisse der Forschung, könnten verhindert werden, wenn gezielt und rechtzeitig vorbeugende Maßnahmen ergriffen würden. Neue Ergebnisse der US POINTER Studie bestätigen dies erneut überzeugend.

Untersucht wurde, ob multidimensionale Lebensstilinterventionen – die FINGER-Studie als Vorbild – den kognitiven Abbau bei älteren Erwachsenen mit erhöhtem Risiko verlangsamen oder verhindern können. Für die Studie wurden 2.111 Teilnehmer im Alter von 60 bis 79 Jahren rekrutiert, die einen sitzenden Lebensstil und eine suboptimale Ernährung aufwiesen sowie mindestens zwei weitere Risikofaktoren für Demenz erfüllten (z. B. familiäre Vorbelastung oder kardiometabolische Risiken). Die Teilnehmer waren zu Beginn der Studie kognitiv weitgehend gesund. Die Probanden wurden zufällig in zwei Gruppen eingeteilt, die sich in ihrer Struktur, Intensität und dem Grad der Unterstützung unterschieden:

Die eine Gruppe erhielt strukturierte Lebensstilinterventionen (Structured Group). So erhielten diese Teilnehmer eine sehr intensive Unterstützung und nahmen über der Verlauf der Studie über zwei Jahre hinweg an 38 moderierten Teamtreffen teil, die von zertifizierten Experten geleitet wurden. Ihr Therapieprogramm war streng vorgegeben:
Körperliche Aktivität: Ein fester Plan sah vier Tage pro Woche aerobes Training (30–35 Min.), zwei Tage Krafttraining (15–20 Min.) und zwei Tage Flexibilitätstraining (10–15 Min.) vor, primär in Gemeinschaftseinrichtungen wie dem YMCA.
Ernährung: Die Einhaltung der MIND-Diät (eine modifizierte mediterrane Diät) wurde durch regelmäßige Kontakte und Unterstützung intensiv gefördert, inklusive monatlicher Rabatte für den Kauf von Blaubeeren.
Kognitives Training: Die Teilnehmer absolvierten dreimal wöchentlich für 15–20 Minuten webbasiertes Gehirntraining (BrainHQ) zu Hause.
Gesundheitsüberwachung: Es fanden halbjährliche Besprechungen der Laborergebnisse (Blutdruck, Cholesterin, HbA1c) mit einem medizinischen Berater statt.
Die andere Gruppe war eine selbstgeführte Lebensstilintervention (Self-Guided Group): Diese Teilnehmer dienten als Vergleich und erhielten weniger intensive Unterstützung. Die Gruppe besuchte in den zwei Jahren nur 6 Teamtreffen, in denen sie allgemeine Informationen und öffentliche Bildungsmaterialien zu gesundem Lebensstil erhielten. Es gab keine individuellen Coachings oder festen Trainingspläne; die Teilnehmer wurden lediglich ermutigt, eigenverantwortlich Änderungen in den Bereichen Sport, Ernährung und kognitive Aktivität vorzunehmen, die zu ihrem Alltag passen. Auch hier erfolgte eine jährliche Überwachung der Gesundheitswerte in der Klinik.
Der Studienablauf war streng in verschiedene Phasen unterteilt, um eine hohe Datenqualität und Sicherheit zu gewährleisten verlief der Rekrutierungsprozess in drei Stufen, beginnend mit der Identifikation potenzieller Kandidaten über elektronische Patientenakten und lokale Gemeinschaftsarbeit. Es folgten Fragebögen zu Lebensstil und Gesundheit sowie telefonische kognitive Tests, um sicherzustellen, dass die Teilnehmer ein erhöhtes Risiko aufwiesen, aber noch nicht an Demenz erkrankt waren. Nach einer umfassenden Basisuntersuchung (Baseline) zur Bestätigung der Eignung wurden die Teilnehmer zufällig (1:1) einer der beiden Gruppen zugewiesen und in Peer-Teams von 10 bis 15 Personen aufgeteilt.Über den gesamten Zeitraum von 24 Monaten setzten die Teilnehmer ihre jeweiligen Programme um. Alle sechs Monate fanden Klinikbesuche statt, bei denen umfangreiche medizinische Untersuchungen, Blutentnahmen und kognitive Tests durchgeführt wurden.Die Studie wurde als einfachblinde Studie durchgeführt; dies bedeutet, dass das Personal, welches die kognitiven Tests auswertete, nicht wusste, welcher Gruppe ein Teilnehmer angehörte, um objektive Ergebnisse zu garantieren.

Was sind die Hauptergebnisse?
Die wichtigste Erkenntnis der Untersuchung ist, dass sich die geistige Leistungsfähigkeit in beiden Gruppen über den Zeitraum von zwei Jahren verbesserte. Das bedeutet, dass sowohl die Teilnehmer mit dem intensiven Programm als auch diejenigen, die ihren Lebensstil eigenständig angepasst haben, Fortschritte machten. Ein Teil dieser allgemeinen Verbesserung wird darauf zurückgeführt, dass die Probanden durch die regelmäßigen Untersuchungen lernten, besser mit den Tests umzugehen (sogenannte Übungseffekte).
Obwohl beide Gruppen profitierten, schnitt die Gruppe mit dem festen Zeitplan und der engmaschigen Betreuung (Structured Group) deutlich besser ab. Die strukturierte Anleitung durch Experten und der regelmäßige Austausch in der Gemeinschaft führten dazu, dass der geistige Aufwärtstrend in dieser Gruppe stärker ausgeprägt war als bei den Teilnehmern, die auf sich allein gestellt waren.
Welche geistigen Fähigkeiten profitierten besonders? Die positiven Effekte waren nicht in allen Bereichen des Denkens gleich verteilt. Besonders große Fortschritte machte die intensiv betreute Gruppe bei den sogenannten „exekutiven Funktionen“. Das umfasst die Fähigkeit, Aufgaben zu organisieren, Probleme zu lösen und sich an neue Situationen anzupassen.Auch bei der Schnelligkeit, mit der Informationen verarbeitet werden, zeigte die strukturierte Gruppe deutliche Vorteile. Und interessanterweise gab es beim reinen Erinnerungsvermögen (dem Merken von Informationen) kaum Unterschiede zwischen den beiden Gruppen; hier verbesserten sich beide in ähnlichem Maße.

Die Studie untersuchte auch, ob bestimmte Merkmale den Erfolg beeinflussen. Der Nutzen des Programms war unabhängig davon, ob jemand eine genetische Veranlagung für Alzheimer hatte oder nicht. Teilnehmer, die zu Beginn der Studie bereits etwas größere Schwierigkeiten mit ihrer geistigen Leistung hatten, schienen besonders stark von der intensiven, strukturierten Unterstützung zu profitieren.Auch Alter, Geschlecht oder bestehende Herz-Kreislauf-Risiken änderten nichts daran, dass die intensive Lebensstiländerung wirksam war.

Die Studie belegt, dass solche Programme erfolgreich durchgeführt werden können. Teilnehmer blieben hochmotiviert und hielten sich sehr konsequent an die Vorgaben. In der Gruppe mit der intensiven Betreuung wurden sogar weniger schwerwiegende gesundheitliche Vorfälle gemeldet als in der Vergleichsgruppe, was die Sicherheit des Ansatzes unterstreicht.

2. Lithium-„Hype“
Das Thema Lithium ist gerade in „aller Munde“. Deswegen hier ein Überblick der aktuellen Forschungsergebnisse über Lithium als möglich Ursache für die Alzheimer-Krankheit.

Lithium ist ein sehr „altes“ Medikament und wird bereits seit dem 19. Jahrhundert in der Psychiatrie regelmäßig insbesondere zur Behandlung bipolarer Störungen und zur Suizidprävention bei Depressionen verwendet. In den letzten Jahren mehren sich Hinweise aus epidemiologischen Studien, dass Regionen mit einem höheren Lithiumgehalt im Trinkwasser geringere Raten an Suiziden und Demenzerkrankungen aufweisen.

Eine neue Arbeit einer Forschungsgruppe aus Boston, USA liefert nun überraschend anhand Untersuchungen an Alzheimer-Mäusen eine mögliche biologische Erklärung für diesen Zusammenhang und stellt die Hypothese auf, dass die Alzheimer-Demenz als Folge eines Lithiummangels im Gehirn sich entwickeln könnte.
Zudem wurden Analysen an über 100 Proben aus menschlichen Hirndatenbanken untersucht. Dabei zeigten sich Unterschiede mit Mangel im Gewebe in der präfrontalen Hirnrinde – einer für kognitive Funktionen entscheidenden Region – hier war die Lithiumkonzentration bei Alzheimer-Patienten im Vergleich zu Gesunden deutlich vermindert. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass sich das vorhandene Lithium massiv in den für Alzheimer typischen Amyloid-Plaques anreichert, so als würde Lithium in Plaques „gefangen“ und stünde dem Hirn nicht mehr für seine schützenden Funktionen zur Verfügung.

Drei Erkenntnisse lassen sich aus bisherigen Tierversuchen festhalten, die den ursächlichen Zusammenhang prüfend (nur) mit Mäusen durchführten: 1. Wildtyp-Mäuse, die eine lithiumfreie Nahrung erhielten, entwickelten alzheimertypische Veränderungen (Verlust von Synapsen, Dendriten und Myelin) sowie massive Gedächtnisstörungen. 2. Bei Mäusen mit einer genetischen Veranlagung für Alzheimer beschleunigte der Lithium-Mangel den Krankheitsverlauf drastisch. 3. Besonders spektakulär war, dass die Gabe von Lithiumorotat die pathologischen Veränderungen im Gehirn nicht nur stoppte, sondern bei den Mäusen sogar rückgängig machen konnte, was zu einer Normalisierung der Gedächtnisleistung führte.

Ein zentraler Punkt der o.g. Arbeit ist die Unterscheidung zwischen verschiedenen Lithiumsalzen. In der Psychiatrie wird Lithiumcarbonat verwendet. Die Studie zeigt jedoch, dass dieses Salz aufgrund seiner chemischen Eigenschaften (hohe Ionisierungskapazität) sehr stark an die Amyloid-Plaques bindet und daher im Gehirn von Alzheimer-Patienten kaum wirksam werden kann. Im Gegensatz dazu erwies sich Lithiumorotat, ein organisches Salz, als deutlich effektiver. Es bindet weniger stark an die Plaques, verteilt sich besser im Hirngewebe und zeigt bereits in winzigen, fast natürlichen Dosierungen eine starke Schutzwirkung.

Als Wirkmechanismus für diese nervenzellschützende Wirkung scheint die Hemmung des Enzyms Glykogensynthase-Kinase-3 Beta (GSK3β) verantwortlich zu sein. Überaktivität dieses Enzyms gilt als ein möglicher Schlüsselfaktor bei der Entstehung von Alzheimer, da es unter anderem die krankhafte Veränderung des Tau-Proteins vorantreibt.

Die Autoren plädieren für einen Paradigmenwechsel. Lithium sollte nicht mehr nur als hochdosiertes Medikament für psychische Erkrankungen gesehen werden, sondern als essenzielles Spurenelement, das in geringen Mengen eine physiologische Schutzfunktion für das alternde Gehirn ausübt. Experten fordern nun dringend kontrollierte klinische Studien am Menschen, um zu prüfen, ob die Gabe von Lithiumorotat bei Patienten mit leichter kognitiver Störung oder beginnender Alzheimer-Demenz den Krankheitsverlauf ähnlich effektiv beeinflussen kann wie im Mausmodell.